Grüne: Ortsverbände Lorsch und Einhausen hatten zum gemeinsamen Neujahrsempfang eingeladen / Redner referierten über „Atomlüge“

„Die Tage von Biblis sind gezählt“

Bergsträßer Anzeiger
14. Januar 2009

Lorsch/Einhausen. „Ein vollständiger Umstieg auf erneuerbare Energien ist machbar.

Man muss ihn nur wollen.“ Beim gemeinsamen Neujahrsempfang der Grünen von Lorsch und Einhausen plädierte Ursula Hammann für einen konsequenten Kurswechsel in der hessischen Energiepolitik.

Im Lorscher Benediktinerkeller sagte die umweltpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen am Montag, dass es Hessen im Vergleich zu anderen Bundesländern nicht gelungen sei, den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid zu drosseln. Stattdessen sei unter der Regierung Koch sogar ein Anstieg der Emissionen festzustellen.

„Die Untätigkeit in Sachen Klimaschutz muss ein Ende haben.“ Beim Bundesländerranking „Erneuerbare Energien“ war Hessen im November auf Platz 14 von 16 gelandet.

In diesem Kontext bezeichnete Hammann den vorgesehenen Ausbau des Kohlekraftwerks Staudinger in Großkrotzenburg als verantwortungslos.

Ein prognostizierter Ausstoß von zusätzlichen rund drei Millionen Tonnen CO2 pro Jahr würde die hessischen Bilanzen über jedes verträgliche Maß belasten.

Der Bau des bereits genehmigten Kohleblocks 6 würde das von der Bundesregierung  ausgegebene Klimaschutzziel, den Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu reduzieren, ad absurdum führen. Die Kohlekraftwerke Staudinger und Mainz (Ingelheimer Aue) würden gemeinsam jährlich über 12 Millionen Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen.

Hammann betonte, dass es den Grünen nicht um die Abschaltung sämtlicher Kohlekraftwerke geht: „Wir wehren uns aber entschieden gegen den Neubau solcher Blöcke.“ Für den Anbau des Werks Staudinger laufe gegenwärtig das Planfeststellungsverfahren, eine politische und bürgerschaftliche Front gegen das Projekt sei derzeit also noch möglich.

Beim globalen Klimaproblem spiele Deutschland eine der Hauptrollen: Mit 865 Millionen Tonnen rangiert man in der Treibhausgas-Statistik weltweit an sechster Stelle. Für die Landespolitikerin aus Biebesheim mit Zuständigkeit für den Kreis Bergstraße ein deutliches Signal für einen schnellst möglichen Umstieg mit klaren Zielvorgaben:

Neben einer zukunftsgerechten Energiepolitik formulierte Hammann die Bereiche Privathaushalte, Verkehr und Industrie als zentrale Handlungsfelder. Im Bereich Energie müsse sich das Land von Importen unabhängig machen und gleichzeitig eine risikofreie wie umweltgerechte Energiegewinnung mit größtmöglicher Versorgungssicherheit verfolgen.

„Die Tage von Biblis sind gezählt“, kommentierte sie die Sicherheitsmängel des Atomkraftwerks, Stichwort Dübelproblem. Der Energie-Jahresverbrauch in Hessen von zirka 35 Millionen Megawattstunden könne nach Ansicht der Grünen bis zum Jahr 2028 zu rund 29 Prozent durch alternative Energien gedeckt werden. Allein jährlich 8,5 Millionen Megawattstunden seien aus Photovoltaik zu gewinnen.

Für Ursula Hammann ein realistisches Ziel: Bis zur Mitte des Jahrhunderts sei in Deutschland ein vollständiger Wechsel zu erneuerbaren Energien möglich. Von einer groß angelegten Energiewende profitiere auch die heimische Wirtschaft: So habe ein nordhessisches Unternehmen jüngst Bauteile für die neue Photovoltaikanlage in einer Audienzhalle des Vatikans geliefert. „Sonnenenergie hat jetzt sogar den päpstlichen Segen“, so Hammann, die bei den Landtagswahlen am Sonntag (18.) auf Listenplatz drei hinter der Landesvorsitzenden Kordula Schulz-Asche und Spitzenkandidat Tarek Al-Wazir geführt ist.

Im Benediktinerkeller begrüßten Thilo Figaj (Lorsch) und der Einhäuser Ortsverbandsvorsitzende Daniel Gerber die Gäste, darunter auch den grünen Direktkandidaten Ralf Löffler aus Lindenfels, der am 18. Januar für den Wahlkreis West antritt.

Zum Thema Energiepolitik sagte Löffler, dass auf Landes- und Bundesebene eine staatliche Förderung für Unternehmen eingeführt werden müsse, die der Entwicklung von energieeffizienten Produkten Vorschub leisten könne.

Wenn in Deutschland über 400 Milliarden Euro als Finanzpolster und Bürgschaften für klamme Banken spendiert werden, müsse auch und erst recht die Realwirtschaft mit finanziellen Zuwendungen gestützt werden. Durch Investitionen in erneuerbare Energien werde die Volkswirtschaft gestärkt, „eine vernünftige Preispolitik wäre die Folge“, so Löffler in Lorsch. tr