Lokaltermin an der Weschnitz

Weschnitz Renaturierung LorschBensheimer Grüne besuchten Lorscher Kollegen – Lokaltermin an der Weschnitz ein Aha-Erlebnis

Von Jeanette Spielmann / Bergsträsser Anzeiger 15.8.09

Lorsch. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts kostet es keinen Cent, aber dafür lässt sich auf historischem Grund ein landschaftliches Kleinod genießen. 200 Jahre früher mussten dagegen die Passanten für das Überschreiten der Schnittstelle zwischen dem hessischen und dem kurmainzer Gebiet Zoll entrichten. Für einige Teilnehmer war der Ortstermin an der Wattenheimer Brücke, zu der die Lorscher Grünen ihre Parteikollegen aus Bensheim und Einhausen sowie Vertreter des BUND eingeladen hatten, ein positives Aha-Erlebnis.

Ein Paradies

Denn nördlich des historischen Brückenbauwerks nahm die Stadt Lorsch in den vergangenen zwei Jahren Renaturierungsmaßnahmen vor, die sich heute als kleines Paradies für Natur und Mensch darstellen. Volker Knaup, Bauamtsleiter und Geschäftsführer der Entwicklungsgesellschaft Lorsch (EGL) informierte die zahlreichen Teilnehmer über die ausgeführten Maßnahmen und es war unverkennbar, dass sein Herz an diesem Projekt hängt.

Als Ausgleichsmaßnahme für die Entwicklung des Gebewerbegebietes „Im Daubhart“ war im März 2007 mit der „naturschutzfachlichen Ersatzmaßnahme“ begonnen worden. Von der Wattenheimer Brücke flussabwärts wurden auf einer Länge von 300 Metern und einer Gesamtfläche von 25 000 Quadratmetern rund 30 000 Kubikmeter Erdreich bewegt. Die Uferböschung wurde abgeflacht, der Deich zurückgesetzt und zusätzliche Sukzessionflächen geschaffen. Das in den 1960er Jahren begradigte Gewässer erhielt wieder Platz für ein mäandrierendes Flussbett. Röhrichtpflanzungen und spezielle Gehölzstreifen werten den Abschnitt weiter ökologisch auf.

Artenreichtum

Der Erfolg zeigte sich schnell. Schon im ersten Jahr ist die Fischwelt in der Weschnitz um weitere zwölf Arten angewachsen und auch der vom Aussterben bedrohte Schlammpeitzger, für den das Gewässernetz der Weschnitz eine wichtige Verbreitungsader ist, tauchte wieder auf. Mit Millionen von Kleinfischen ist der renaturierte Flußabschnitt zur „Kinderstube der Fische“ geworden, so Knaup.

Aber nicht nur das Gewässer hat ein neues Gesicht bekommen, auch das Umfeld wurde aufgewertet. So wurde an der Wattenheimer Brücke mit dem überschüssigen Erdaushub ein kleiner Hügel zur Aussichtsplattform umgestaltet. Diese besondere Attraktion ist durch ihre Ausstattung mit formschönen Bänken und Tischen nicht nur beliebter Rastplatz für Wanderer und Naturliebhaber. Interessante Hinweistafeln sowie im Boden eingelassene Zeittafeln geben Aufschluss über die Renaturierungsmaßnahme, über die hier vorhandene Flora und Fauna und die zeitgeschichtliche Entwicklung. Hier wurden Mensch und Natur auf gelungene Weise zusammengeführt.

Wie von Volker Knaup zu hören war, waren die Anfänge der Weschnitz-Renaturierung nicht so einfach gewesen. So gab es bei der ersten Maßnahme Ende der 1990er Jahre, die den Abschnitt zwischen Kläranlage und Wattenheimer Brücke betraf, unter den Bürgern noch große Angst vor einer möglichen Überschwemmung des Landes. Denn die Weschnitz ist ein „temporäres Gewässer“, das auch massiv ansteigen kann.

Gewappnet

Doch der damalige Geschäftsführer des Gewässerverbands, Bernd Dewald, war von der Renaturierung überzeugt und Motor der Maßnahme. Durch diese gelungene Vorarbeit war die weitere, flussabwärts anschlossene Maßnahme leichter durchzusetzen. Dies traf für die Bevölkerung zu, denn in der Politik hatte die Maßnahme wegen der erheblichen Kosten gerade mal eine Stimme Mehrheit.

Und es soll aus Lorscher Sicht nicht das letzte Bindeglied im regionalen Biotopverbundsystem bleiben. Die Planung für eine weitere Verbindung mit der Renaturierung in der Nachbachgemeinde Einhausen ist fertig und steht kurz vor der Genehmigung.

Mit dieser Planung in der Schublade ist Lorsch gewappnet, wenn die nächsten Ausgleichsmaßnahmen erforderlich werden, die mit Autobahnerweiterung und ICE-Trasse kommen werden.

Wermutstropfen: Ausgleichsmaßnahme setzt Eingriff voraus

Für einen Teilnehmer am Grünen-Ortstermin an der Wattenheimer Brücke war bei aller Würdigung der gelungenen Renaturierungsmaßnahme aber auch ein Wermutstropfen zu beklagen:

Diese positive landschaftspflegerische Projekt ist letztendlich als Ausgleichsmaßnahme für einen Eingriff in die Natur an anderer Stelle verwirklich worden.

Ohne Zweifel spielt das auch eine Rolle bei den Bensheimer Überlegungen zu einem Grüngürtel. Die geplante Erweiterung des Gewerbegebietes Stubenwald wird Ausgleichsmaßnahmen erfordern und durch die ökologische Aufwertung des Rieds wäre das eine auch bei der Grünen Liste Bensheim wünschenswerte Maßnahme. Die in kompletter Fraktionsstärke und mit ihrem Stadtrat Peter Kalb gekommene GLB sieht dabei in der interkommunalen Ausrichtung eines solchen Projektes eine wesentliche Voraussetzung.

Wie GLB-Stadtverordnete Doris Sterzelmaier ausführte, stünden für die Planung eines interkommunalen Entwicklungskonzeptes 50 000 Euro zur Verfügung. Auch wenn der weitere Verlauf der Weschnitz von der Wattenheimer Brücke bis zur B 47 nicht auf Bensheimer Gemarkung liege, wäre eine Aufwertung in diesem Bereich als interkommunale Maßnahme von Bensheim erwünscht.

Was hier in Fortsetzung der auf Lorscher Gemarkung bereits erfolgten Arbeiten möglich und machbar wäre, sollte zunächst in einer gemeinsamen Arbeitsgruppe beraten und entwickelt werden. js

Bergsträßer Anzeiger
15. August 2009