Bericht im BA

 

Bergsträßer – Anzeiger vom 23. Februar 2017:

 

Stadtverordnete: Katzenschutzverordnung beschlossen

Jetzt sind die Miezen an der Reihe

Von unserem Redaktionsmitglied Nina Schmelzing

 

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Katzen sind Raubtiere – freilaufende Exemplare reduzieren den Bestand von Vögeln und Reptilien. Für die Einführung einer Katzenschutzverordnung gibt es aber noch weitere vernünftige Gründe. Das wurde in Lorsch deutlich gemacht.

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Lorsch. Als erste Kommune im Kreis Bergstraße wird Lorsch eine Katzenschutzverordnung einführen. Die Stadtverordnetenversammlung stimmte am Dienstag mehrheitlich für einen entsprechenden Antrag, den Matthias Schimpf für die Fraktion der Grünen einbrachte. Der neue Erlass sieht eine Kastrations-, Kennzeichnungs- und Registrierpflicht für Katzen ab einem Alter von fünf Monaten vor, die Auslauf im Freien haben.

Mit dem Kescher durchs Gebüsch?

Die Sitzung, in der über die Verordnung ausführlich diskutiert wurde, geriet zur interessanten Biologiestunde. Er habe die Initiative der Grünen zunächst für eine zur Fastnachtszeit passende Aktion gehalten, räumte Rudi Häusler (PWL) ein, dass er den Antrag anfangs nicht ganz ernst genommen habe. Mit seiner Skepsis war Häusler nicht allein. Dirk Sander (SPD) erklärte eine weitere Satzung in Lorsch für “überflüssig”. Und wie sollen die Vorgaben überhaupt kontrolliert werden? Sollen Ordnungshüter künftig mit dem Kescher durchs Gebüsch streifen auf der Suche nach wilden Katzen? Hat Lorsch keine anderen Sorgen?

Schimpf konnte allerdings darlegen, warum die Verordnung sinnvoll ist – und mit seinen Argumenten schließlich die Mehrheit des Gremiums überzeugen. Der Grüne machte deutlich, dass es sich beim beliebtesten Haustier in Deutschland keineswegs immer um ein harmloses Samtpfötchen handelt. Auch Schmusekater gehören schließlich zur Familie der Raubtiere. Bewegen sie sich draußen, folgen sie ihrem Jagdtrieb und können sich in mörderische Miezen verwandeln.

Vor deren Killerinstinkt sind weder Vögel noch Spitzmäuse, weder Junghasen noch Blindschleichen ihres Lebens sicher. Und das, obwohl die meisten Katzen nicht mehr aus Hunger jagen. “Ernährt werden sie meistens aus der Dose”, erinnerte Schimpf. Von Katzen bejagte Reptilien wie die Zauneidechse gehören dagegen längst zu den bedrohten und daher besonders geschützten Arten.

Tiere leiden erbärmlich

Der Grünen-Fraktionsvize lenkte den Blick auf das Leid, das viele wilde Katzen selbst ereilt, wenn nicht frühzeitig regulierend eingegriffen wird und sie sich ungebremst vermehren. Eine trächtige Katze kann etwa neun Junge im Jahr werfen. Schimpf berichtete von Tierheimen, die ihre Kapazitätsgrenze erreicht und von zahlreichen Freigänger-Tieren, die mit “Katzen-Aids” infiziert ein bedauernswertes Schicksal zu ertragen haben. Er erinnerte außerdem an die Infektionskrankheit Toxoplasmose, die von Katzen auch auf Menschen übertragen werden kann und für Schwangere und Immungeschwächte ein Risiko darstellt.

Im überschaubaren Lorsch seien ihnen – anders als in Ballungsgebieten – noch nie räudige Tiere begegnet, wandten zwar Stadtverordnete ein. Schimpf betonte jedoch: “Auch Tier-Messies sind verbreiteter, als Sie sich vorstellen können.” Er berief sich auf seine langjährigen beruflichen Erfahrungen als Veterinärdezernent des Kreises. Er habe nicht nur einen Haushalt mit bis zu 50 Katzen in “erbärmlichem Zustand” gesehen.

“Ich bin ein Katzenliebhaber”,stellte Schimpf klar. Er habe selbst lange Zeit einen Kater gehalten. Es gehe bei der Einführung der neuen Verordnung nicht darum, verantwortungsvolle Tierhalter zu gängeln oder zu bevormunden. Die Auflagen könnten aber entscheidend dazu beitragen, Fehlentwicklungen die Spitze zu nehmen und zu einer Bewusstseinsänderung zu verhelfen.

Naturschutzverbände unterstützten eine Katzenschutzverordnung ebenso wie Tierschützer, berichtete Schimpf. Der Grüne erinnerte daran, dass zahlreiche andere Tierfreunde schon lange Auflagen zu beachten haben – Hunde- und Pferdehalter genauso wie Geflügelhalter. Lorsch, so lobte er, habe schon oft eine Vorreiterrolle im Umwelt- und Naturschutz eingenommen.

Die SPD-Fraktion zeigte sich zwar überzeugt von der Sinnhaftigkeit einer Aufklärungskampagne, hielt aber nichts von der Einführung einer neuen Satzung. “Einiges ist unklar und erklärungsbedürftig”, meinte Annette Hemmerle-Neber. Sie beantragte, das Thema zunächst einmal zur Beratung in den Haupt- und Finanzausschuss zu verweisen. Für den SPD-Antrag gab es zwar Zustimmung aus der FDP-Fraktion, allerdings keine Mehrheit.

Die PWL forderte erfolgreich eine Sitzungsunterbrechung ein, die CDU bedankte sich bei Schimpf für dessen Ausführungen zur “Horizonterweiterung”. Anschließend stimmte die klare Mehrheit im Parlament für den Grünen-Antrag.

Schimpf räumte ein, dass merkliche Verbesserungen nicht sofort zu erwarten seien. Zwar könnten Ordnungswidrigkeiten künftig mit Geldbußen bis zu 5000 Euro geahndet werden, die neue Verordnung habe aber mehr Appell- als Ahndungscharakter. In Paderborn sei allein durch die öffentliche Bekanntmachung die Kastrationsrate um 40 Prozent gestiegen. Züchter von Rassekatzen können Ausnahmen beantragen.

© Bergsträßer Anzeiger, Donnerstag, 23.02.2017